Wir trauern um Kerstin Plewa-Brodam.

Die Studio-Bühne Essen trauert um ihre langjährige stellvertretende Vorsitzende und künstlerische Leiterin Kerstin Plewa-Brodam, die am 9. Januar 2020 für uns alle unfassbar im Alter von nur 59 Jahren plötzlich und ohne Vorzeichen verstorben ist.

All unsere Gedanken sind derzeit bei ihrer Familie und ihren Angehörigen. Wir sind fassungslos und unendlich traurig. Sie war so voller Liebe, Herzlichkeit, Zuversicht, Pläne und Ideen. Ihr viel zu früher Tod ist uns unbegreiflich und ein unsagbar schwerer Verlust.

Kerstin Plewa-Brodam prägte insbesondere seit der Eröffnung des STUDIOs an der Korumhöhe im April 1990 als Darstellerin, Regisseurin, Projektkoordinatorin, stellvertretende Vorsitzende und künstlerische Leiterin das unverwechselbare Profil der Studio-Bühne Essen. Stets mutig, visionär und hochambitioniert, formte sie das Theater und sein Ensemble mit wachsenden schauspielerischen Herausforderungen und theaterpädagogischen Projekten, vielbeachteten Gastspielen in mehr als 10 Ländern der Welt, vier bis sechs Premieren sowie rund 150 Vorstellungen pro Spielzeit mit Auslastungen regelmäßig über 90 Prozent. Die Studio-Bühne Essen entwickelte sich unter ihrer künstlerischen Leitung Dank ihres professionellen handwerklichen Könnens, ihres unerschöpflichen künstlerischen Ideenreichtums und ihres großen organisatorischen Geschicks zu einer wichtigen, nicht mehr wegzudenkenden Kulturinstitution in der Essener Theaterlandschaft, im deutschen Amateurtheater und weit darüber hinaus.

Ihre herzliche, leidenschaftliche und motivierende künstlerische Arbeit für und mit Menschen aller Generationen, ihre kontinuierliche Förderung des hauseigenen Bühnennachwuchses, ihr besonderes Engagement für die kulturelle Teilhabe von Kindern aus sozialen Brennpunkten mit dem von ihr aufgebauten Grundschulnetzwerk in unserem Stadtbezirk VII, ihr unaufhörliches ehrenamtliches Wirken in bezirklichen Bürgerschaften sowie in zahlreichen kulturellen Kontexten und Strukturen der Essener Stadtgesellschaft, insbesondere als Impulsgeberin und Motor in der Freien Szene Essen, als langjähriges Mitglied im Kulturbeirat der Stadt Essen sowie auch als langjährige Vorsitzende des Stadtverbandes Essener Kinder- und Jugendverbände (SEJ), ihr stetiger neugieriger und wissbegieriger Blick über den Tellerrand hinaus in die in- und ausländische Theaterszene, eng verknüpft mit regelmäßigen Begegnungen im Bund Deutscher Amateurtheater (BDAT), ihre Aufgeschlossenheit für sich neu entwickelnde Impulse und Herausforderungen in künstlerischen Auseinandersetzungen, ihre Aufnahme und Pflege lokaler, regionaler, nationaler wie internationaler Kontakte und Beziehungen, ihre Herzenswärme, ihr gewinnender Charme, ihre Verlässlichkeit, ihre Ausdauer und Verbindlichkeit sowie ihr selbstloser Einsatz für ihre Ideale eines Theaters und einer Kultur für Alle – all dies begründet ihre herausragenden Persönlichkeit und ihr außerordentliches Wirken. Beides werden wir schmerzlich vermissen.

Kerstin Plewa-Brodam wurde 1960 in Essen-Holsterhausen geboren. Bereits mit fünf Jahren stand sie 1965 zum ersten Mal als ‚Hahn‘ im Märchen „Frau Holle“ beim damaligen „Theater der Jugend“, der Vorgängereinrichtung der Studio-Bühne Essen, im Rampenlicht. Seither folgten ungezählte Rollen in zahllosen Produktionen. Beispielhaft seien für die Zeit ab 1990, der Eröffnung des STUDIOs an der Korumhöhe, genannt ‚Frau Alving‘ in „Gespenster“ von Henrik Ibsen, die ‚Mutter‘ in „Equus“ von Peter Shaffer, der ‚Kümmel‘ in „Kikerikiste“ von Paul Maar, die Titelrolle in „Mutters Courage“ von George Tabori, die Titelrolle in „Die Wirtin“ von Peter Turrini, die ‚Linda‘ in „Spiel’s nochmal, Sam“ von Woody Allen, die ‚Doktorin‘ in „Woyzeck“ von Georg Büchner, die ‚Frau‘ in „Noah und der große Regen“ von Franziska Steiof, die Titelrolle in „Mutter Furie“ nach Guy de Maupassant, die ‚Charlotte‘ in „Die Kartoffelsuppe“ von Marcel Cremer & Helga Schaus und zuletzt die ‚Antonia‘ in „Offene Zweierbeziehung“ von Dario Fo & Franca Rame. Für ihr herausragendes Schauspiel wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt als „Outstanding Actress“ beim WorldFest 2014 der American Association of Community Theatre (AACT) in Venice, Florida/USA für ihre Darstellung in „Noah und der große Regen“ von Franziska Steiof, dem Gastspielbeitrag der Studio-Bühne Essen.

Zur ihrer unbändigen schauspielerischen Leidenschaft gesellte sich bei Kerstin Plewa-Brodam auch der unbedingte Schaffensdrang, als Regisseurin mit hohem Anspruch gleichermaßen dramatisches und unterhaltsames Theater in Szene zu setzen. Allein seit der Eröffnung des STUDIOs an der Korumhöhe 1990 inszenierte sie 26 Theaterproduktionen aller Genres, darunter „Audienz“ und „Vernissage“ von Vaclav Havel zur Eröffnung des Hauses, „Kobald und Karmesina“ von Angelika Bartram, „Loriots Dramatische Werke“ von Vicco von Bühlow, „Butterbrot“ von Gabriel Barylli, „Wirklich schade um Fred“ von James Saunders, „Eifersucht“ von Esther Vilar, „Von Mäusen und Menschen“ nach John Steinbeck, „Anne Frank Tagebuch“, eine Eigenbearbeitung, die 2013 als Preisträger der “amarena Innovationsförderung 2013” des BDAT, Bund Deutscher Amateurtheater, ausgezeichnet wurde, „Die Gerechten“ von Albert Camus und „Tod auf dem Nil“ von Agatha Christie. Mit ihrer jüngsten Regiearbeit „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Dale Wasserman nach dem Bestseller-Roman von Ken Kesey feierte sie im Oktober 2019 umjubelte und von Publikum wie Presse gleichermaßen hochgelobte Premiere im wiedereröffneten STUDIO.

Darüber hinaus organisierte, koordinierte und pflegte Kerstin Plewa-Brodam für die Studio-Bühne Essen zahlreiche lokale, regionale, nationale und internationale Spielbegegnungen, Austauschmaßnahmen und Gastspiele. Dazu gehörte in mehr als 30 Jahren die regelmäßige Teilnahme an renommierten nationalen Amateurtheatertagen wie etwa in Berlin, Paderborn, Hanau, Göppingen, Lörrach, Neuruppin, Großenhain, Korbach, Rudolstadt, Rendsburg, Aichtal, Schwedt oder Lingen sowie zahlreiche Gastspiele und Aktionen im internationalen kulturellen Dialog. Stellvertretend sei besonders hervorgehoben die seit rund 25 Jahren gepflegte Freundschaft mit dem Städtischen Kinder- und Jugendtheater VERA in Essens Partnerstadt Nishnij Nowgorod in Russland, die mit vielbeachteten bilateralen Kulturprojekten und herzlichen, völkerverbindenden Begegnungen die Partnerschaft beider Städte kontinuierlich bereichert. Für ihren großen Beitrag bei der Entwicklung der partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Nischni Nowgorod und Essen wurde Kerstin Plewa-Brodam 2016 durch die Stadt Nischni Nowgorod besonders ausgezeichnet.

Eines ihrer besonderen Herzensprojekte war die Auftragsproduktion des Kinder- und Familienbüros der Stadt Essen „Das Herz von Essen“, ein Theaterstück über die Geschichte(n) unserer Stadt von Sarah Jäger, das 2010 im STUDIO Premiere feierte, rund 80 Aufführungen mit knapp 3.800 Zuschauern erreichte und dessen letzte Schul- und Publikumsvorstellungen im zehnten Aufführungsjahr sie noch für Ende Januar und Anfang Februar 2020 organisieren konnte.

Gleichfalls machte sich Kerstin Plewa-Brodam kontinuierlich planend und koordinierend besonders für „Cool bleiben – Fair streiten“ stark, einem interaktiven Theaterangebot zur Förderung prosozialen Verhaltens in Kitas, Grund- und weiterführenden Schulen, mit dem die Theaterpädagogen der Studio-Bühne Essen seit 2013 in Einrichtungen im Stadtbezirk VII und darüber hinaus mit Kindern und Jugendlichen Verhaltensregeln zum fairen und respektvollen Umgang sowie Strategien zur gewaltfreien Lösung von Konflikten erarbeiten und erproben.

Ebenfalls bedeutsam waren das im Programm der Kulturhauptstadt RUHR.2010 unter der Federführung von Kerstin Plewa-Brodam durch die Studio-Bühne Essen mitorganisierte und präsentierte TWINS-Projekt „PIANO-Fortissimo“ mit Gastauftritten des Gehörlosentheaters „PIANO“ aus Nischnij Nowgorod sowie das TWINS-Projekt „Schluchten voller Schnee“, ein von der Studio-Bühne Essen theaterpädagogisch geleitetes internationales Schultheaterprojekt von und mit Schülerinnen und Schülern des Mädchengymnasiums Essen-Borbeck und der Schule Nr. 1 aus Nischnij Nowgorod, das anhand von authentischen Feldpostbriefen das Schicksal deutscher und russischer Soldaten in Stalingrad von 1942 eindrucksvoll miteinander verknüpfte. Wenige Jahre zuvor koordinierte sie bereits das Internationale Jugend-Theater-Treffen PlayOff ’06, das die Studio-Bühne Essen in Kooperation mit dem Theater Consol in Gelsenkirchen, dem Theater im Depot in Dortmund und den Flottmannhallen in Herne zur Fußball Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland organisiert und durchgeführt hat. 200 Teilnehmende aus 16 Nationen gastierten dabei auf der Zeche Zollverein.

Besonders in den letzten Jahren hat Kerstin Plewa-Brodam sich verstärkt für die immer wichtiger werdende Verzahnung von Akteuren und Strukturen der Profi- und Amateurtheater engagiert. Daraus sind richtungsweisende Kooperationen u.a. mit der Theater und Philharmonie Essen (TUP) im Rahmen der städtischen Jahresthemen der Kultur in Essen entstanden, so z.B. 2017 „Auftrag Abwicklung Sonnenaufgang“, ein Musik-Theater-Projekt in Zusammenarbeit mit dem Aalto-Musiktheater.

Kerstin Plewa-Brodam kämpfte in den vergangenen Jahren vordringlich für Standortsicherung und Sanierung der lange renovierungsbedürftigen städtischen Immobilie an der Korumhöhe, die die Studio-Bühne Essen seit Ende der 1980er Jahre für ihr Theater nutzen kann und mit viel Eigenleistung nutzbar gemacht hat. Der Rat der Stadt Essen würdigte den Wert der kulturellen Einrichtung und Arbeit im September 2017 durch den Beschluss zur Generalsanierung der Immobilie. Anfang 2019 konnte Kerstin Plewa-Brodam zur feierlichen Wiedereröffnung des Theaters zahlreiche Repräsentanten aus Kultur, Politik und Verwaltung sowie der Freien Szene und dem künstlerischen und pädagogischen Netzwerk der Studio-Bühne Essen begrüßen – nachdem erst wenige Tage zuvor ihr Vater Siegfried Plewa verstorben war, der das Fundament der Studio-Bühne Essen seit der ersten Spielschargründung 1951 maßgeblich gelegt und geprägt hat. Sie war spürbar stolz auf das erzielte Ergebnis in der jetzt fast runderneuerten Studio-Bühne Essen, die dank ihrer intensiven Mitwirkung bei der Planung und Umsetzung der Generalsanierung ihren besonderen Charme beibehalten hat. Umso schmerzlicher ist es, dass sie die Früchte ihres rastlosen Einsatzes und ihrer vielen ehrenamtlich eingesetzten Stunden nur wenige Monate genießen konnte.

In diesem Jahr hätte Kerstin Plewa-Brodam ihr 55-jähriges Bühnenjubiläum, „30 Jahre STUDIO an der Korumhöhe“ und das 10-jährige Jubiläum der wesentlich von ihr mitorganisierten „Theaterhäppchen“, der Saisoneröffnung der Freien Szene im Schauspiel Essen, feiern können – in unseren Gedanken wird sie immer mitten unter uns sein.

Wir werden Kerstin Plewa-Brodam schmerzlich vermissen – als herzlicher Mittelpunkt unserer großen Theaterfamilie, als vielfache Freundin, als Schauspielerin, als Regisseurin, als künstlerische Leiterin, als charmante und geschätzte Gastgeberin und Repräsentantin unseres Hauses, als Koordinatorin, als Multiplikatorin und Botschafterin unseres Theaters, das ihr von Kindheit an die Welt bedeutete. Unser innigstes Mitgefühl gilt ihrer Familie, ihren Angehörigen und allen, die ihr nahe standen.

In tiefer Trauer und großer Dankbarkeit verneigen wir uns vor Kerstin Plewa-Brodam und ihrem Lebenswerk.

Chapeau und Adieu, liebe Kerstin!

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